Ziguri – Onetwothreefour 2016

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Es war eine sehr gute Idee, “Ziguri“ 2011 in Berlin wiederzubeleben. Was sie immer schon auszeichnete, bringen sie nun noch besser. Udo und Dieter bringen ihre straighte Rhythmusfraktion ein und Günter setzt sein süßes Echogitarrengift darüber. Es kamen zwei Konzerte mit „Damo Suzuki“, das fünfte Psychedelic Network Festival und weitere Auftritte. Damit war alles klar und ein neues Album mußte her.

Das Wort „Ziguri“ ist ihnen bei der Beschäftigung mit dem französischen Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Zeichner, Dichter und Theater-Theoretiker Antonin Artaud (* 4. September 1896 in Marseille; † 4. März 1948 in Ivry-sur-Seine) zum ersten mal begegnet. Ziguri <tsiguri>. n. (Tarahumara Sprache) für Peyotl (Nahuatl) – mexikanische Pflanze, wissenschaftlich auch echinocactus Williamsii genannt. Ziguri enthält einen Alkaloiden, das Meskalin, welches die Eigenschaft hat Halluzinationen hervorzurufen.

Sie experimentierten bis sie die richtige Kombination gefunden haben. Es sind sowohl tobende als auch relativ ruhige Psych-Sound-Einheiten. Es ist die Prämisse und Synergie hinter diesem speziellen Album. Die Band kommt ohne Synth aus, trotzdem entstehen klanggewaltige Tracks.
Mit dem Opener „Pietra di Bismantova“ beginnt der Einstieg in das Album.
Ist es eine Wanderung auf diesem Felsplateau im nördlichen Apennin oder kam die Inspiration von Dante, der den Berg in seiner Dichtung „Göttliche Komödie“ als Läuterungsberg beschreibt? Das Stück bringt die Dramatik des Fegefeuers intensiv zu Tage. Diese unangepasste Mischung bringt anarchisch-schräge sowie kurze Vocaleinsätze, mit stetig treibende Rhythmen zum unwiderstehlichen Gitarrenklang.
Auch der nächste Track, mit dem sonderbaren Titel „U-Dongo Moto“, ist eine kleine unscheinbare Melodie plus lockere Rhythmen und heftig gesprochenen Vocals. Mit verhaltenen Tönen beginnt „Radio Bilsga“. Die Gitarre schwebt in das sphärische Gefüge. Die gedehnte Zauberei mit Breaks nimmt zu. In diesem Stück wird man wirklich wie auf Wolken gebettet und langsam hineingewogen.
Instrumentell ist das darauffolgende „Sun Sons Sans“ ähnlich angelegt. Es hat aber mehr Drive und kommt offener. Mein Favorit ist die feine Komposition „Skykiss“ mit leicht jazziger Attitüde. Die Instrumentenvielfalt wird hier beeindruckend präsentiert. Die Bläser laufen rein und überlagern das Geschehen. Es assoziiert nicht einfach so vor sich hin sondern variiert. Ein Motiv, ein Gedanke, eine Struktur, eine Bewegungsart wird exponiert, durch Wiederholung stabilisiert, anreichernd weitergeführt und zu Ende gebracht.
Wieder ganz anders sind die drei abschließenden älteren Bonustracks.
„Hotel Babel“, noch ohne Schickert, wird von einer Gastsängerin in französischer Sprache vorgetragen und ist ein besonderer Leckerbissen mit schöner Weltoffenheit. Es ist ein vertontes, französisches Gedicht von Guillaume Apollinaire. „Dialek“ basiert auf dem Text „Les Nègres“ von Jean Genets und kommt sehr atmosphärisch mit Percussion und Electronica. Das letzte viertelstündige „Apricot Brandy III“ zirkuliert mit wilden Sprachcollagen, was an die späten avangardistischen 60er Jahre erinnert. Dieser letzte Bonustrack ist für Spezialisten der Krautrockära und ein verrückter Abschluss dieser würdigen Neugeburt.

Es ist ein faszinierendes Album, vor allem für diejenigen, die deutsche Musik seit den glorreichen Krautrocktagen der 60er Jahre mögen. Das Trio vereint die Echo-Gitarre von Schickert mit den epochalen Rhythmen der späten Hawkwind. Das Album ist erfrischend und mit einer gewissen Überzeugung, die zudem unverwechselbar, bezaubernd und etwas seltsam erscheint. Sehr empfehlenswert.

Erschien am 2. September 2016 via Sireena Records auf CD.

Line-up:
Udo Erdenreich – Bass, Vox
Dieter Kölsch – Drums, Vox
Günter Schickert – Guitar, Vox

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Tracklist:
01 – Pietra di Bismantova (13:34)
02 – U-Dongo Moto (5:04)
03 – Radio Bilsga (7:13)
04 – Sun Sons Sans (6:37)
05 – Skykiss (14:47)
06 – Hotel Babel (4:57)
07 – Dialekt (9:36)
08 – Apricot Brandy III (14:14)


 

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